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Scharlach bei Kindern: So ist die Lage in NRW

Die Infektionswelle bei Kindern und Jugendlichen mit Scharlach hält an. Eine Zunahme an schweren Verläufen ist nicht zu beobachten. In einigen Fällen muss Antibiotikum gegeben werden - wegen der Versorgungsengpässe ist das teils kompliziert.

Von Johanna Esch, Artikel des Wdr

"Achtung, wir haben Scharlach!", solche Zettel hängen derzeit an vielen Kita-Türen in NRW. Die Scharlach-Welle hält auch jetzt im Frühling weiter an. Viele Kinder und Jugendliche haben aktuell eine Gruppe-A-Streptokokken-Infektion - wozu auch Scharlach gehört.

Scharlach gilt als klassische Kinderkrankheit, kann aber auch Erwachsene treffen. Eine Scharlach-Erkrankung verläuft meistens mild. In vielen Fällen kann auf eine Antibiotikagabe sogar verzichtet werden. Sollte ein Antibiotikum nötig sein, schlagen in der Regel gängige Mittel wie "Penicillin V" gut an.
 

Wunsch-Antibiotikum gegen Scharlach oft nicht verfügbar

Für 13 Antibiotika, darunter auch "Penicillin V" gibt es derzeit laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte einen Lieferengpass. Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbands Rheinland e.V. bestätigt diesen Mangel für seine Region. Im Fall von Antibiotika, die gegen Scharlach helfen, ist oft das Wunschmedikament nicht verfügbar.

"Mancher Kinderarzt stellt direkt zwei Antibiotika-Rezepte aus in der Hoffnung, dass wenigstens ein Medikament vorrätig ist."Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbands Rheinland e.V.
 

Warnung: Nicht auf andere Antibiotika ausweichen

Und genau hier sieht die Kinderärztin Dr. Petra Zieriacks vom Berufsverband Kinder- und Jugendärzte Nordrhein ein Problem. "Bei Scharlach wird die Gabe von Penicillin empfohlen und nicht ein Breitbandspektrum-Antibiotikum", erklärt Zieriacks. Dies sei wichtig, um die Zahl der Antibiotikaresistenzen nicht noch weiter zu steigern. Schon jetzt warne die WHO vor Antibiotikaresistenzen.

Auch die Kinderärztin Dr. Andrea Dickmanns aus Grefrath guckt besorgt auf die Situation: "Kinder erkranken nach Absetzen des Antibiotikums an derselben Infektion wieder, teils nach wenigen Tagen." Sie führt das auf die starke Verbreitung der Krankheit zurück und auf den Mangel an passgenauen Antibiotika.

"Zu normalen Öffnungszeiten der Apotheken kann ich den Eltern empfehlen, dass sie mehrere Apotheken abtelefonieren, um herauszubekommen, ob noch eine Apotheke das Medikament besorgen kann, beziehungsweise vorrätig hat."Dr. Petra Zieriacks, Berufsverband Kinder- und Jugendärzte Nordrhein

Gerade sehr junge Kinder bekommen Antibiotika in Saftform. An Scharlach erkranken allerdings meistens Kinder zwischen drei und 15 Jahren, die nach Rücksprache auch schon Tabletten einnehmen könnten, so Dr. Oliver Funken, Chef des Hausärzte-Verbands Nordrhein.
 

Keine flächendeckenden Scharlach-Zahlen für NRW

Der Berufsverband Kinder- und Jugendärzte Nordrhein beobachtet eine deutliche Scharlach-Welle in diesem Winter, die in den vergangenen Wochen noch einmal zugelegt hat. Es gebe mehr Fälle als in den Jahren vor Corona. Eine generelle Erhebung der Zahlen in NRW gibt es nicht, da Scharlach keine meldepflichtige Krankheit ist. Nur wenn es in Kitas und Schulen Fälle gibt, besteht eine Mitteilungspflicht.

"Ganz sicher gibt es in diesem Jahr deutlich mehr Fälle von Scharlach und Mandelentzündungen durch Streptokokken als in vorangegangenen Jahren."Dr. Petra Zieriacks, Berufsverband Kinder- und Jugendärzte Nordrhein

Zahlreiche Städte in NRW beobachten einen deutlichen Anstieg der Fälle im ersten Quartal 2023. Konkret heißt das: Aachen meldet fast 400 Fälle (im Vergleich 2019: 140), Bochum 239 Fälle (2019: 48) und Coesfeld 364 Fälle (2019: 72). Der Kreis Wesel zählt im März 253 Fälle (2019: 304). Gelsenkirchen meldet für das erste Quartal 317 Fälle, was die Zahl vom gesamten Jahr 2019 schon um 76 Fälle übersteigt.

Beim Gesundheitsamt Köln heißt es: "Es ist ein sehr deutlicher Anstieg der Scharlach-Fälle zu verzeichnen." In diesem Jahr gebe es bislang 756 Fälle - gegenüber 112 in 2019. In Duisburg wurden in Kitas und Schulen 616 Fälle gemeldet. Dem stehen 370 Fälle für ganz 2022 gegenüber. In Münster ist von einer "hohen Zahl an Meldungen" die Rede.

Die Gesundheitsämter weisen jedoch darauf hin, dass seit der Corona-Pandemie generell alle sensibilisierter mit Krankheiten umgehen. Einrichtungen wie Kitas und Grundschulen würden eher die Gesundheitsämter informieren als früher.
 

Scharlach-Welle in NRW wird unterschiedlich eingeschätzt

Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverband Rheinland e.V. schätzt die Scharlach-Lage hingegen als wenig dramatisch ein, beobachtet aber wegen des anhaltenden schlechten Wetters generell eine hohe Infektionslage. Es gäbe etwa eine zweite, ungewöhnlich späte Grippewelle.

Unterstützt wird diese Einschätzung auch von Dr. Oliver Funken: "Von Seiten der Hausärzte Nordrhein sehen wir keine Scharlach-Welle."
 

So erkennt man Scharlach bei Kindern

Doch woran erkennen Eltern eigentlich, ob ihr Kind an Scharlach erkrankt ist? Nach der Ansteckung zeigen sich die ersten Symptome nach etwa ein bis drei Tagen. Typisch sind Schluckbeschwerden, Halsschmerzen, hohes Fieber, Schüttelfrost und allgemeines Unwohlsein. Die Lymphknoten am Hals können stark geschwollen sein. Vor allem kleine Kinder leiden auch unter Bauchschmerzen und Erbrechen. Weitere charakteristische Symptome für Scharlach - wie etwa die "Himbeerzunge" - finden sich hier auf der Grafik.